Die Bluttat auf Schloss Wachendorf

Euskirchener Volksblatt - 12. August 1927

Über die furchtbare Bluttat, die sich gestern ¼ 8 Uhr auf Schloß Wachendorf zugetragen hat, können noch folgende Einzelheiten berichtet werden:

  Das Ehepaar von Mallinkrodt stand im Begriff, sich im Kraftwagen auf eine Erholungsreise nach Thüringen zu begeben. Der Wagen stand vor dem Hauptportal zur Abfahrt bereit, und das Ehepaar, das bereits im Wagen Platz genommen hatte, verabschiedete sich von der Hausdame und dem Steuerinspektor Ludwig, der in Anwesenheit der verreisenden Herrschaft die Aufsicht über das Schloß führen sollte. Diese waren von beiden Seiten an das Auto herangetreten, als plötzlich ein Schuß abgefeuert wurde. Herr von Mallinkrodt schrak scheinbar zusammen, was sonst niemals seine Gewohnheit war. Hierüber verwundert, musste die Hausdame zu Ihrem Entsetzen feststellen, dass Herr von Mallinkrodt tödlich getroffen vorüber sank. Einen Augenblick danach traf ein zweiter Schuss Frau von Mallinkrodt in den Hals tödlich. Die Schüsse waren aus einer Kugelflinte von dem 78-jährigen Förster Franz Bosen, der sich hinter den Ziersträuchern neben dem Hauptportal des Schlosses verborgen hatte, aus unmittelbarer Nähe abgefeuert worden. Für den ersten Schuss hatte der Mörder eine schwachrauchende Patrone benutzt, während er den zweiten Schuss aus einer starkrauchende Patrone abgab. Nach der Tat ging der Förster Franz Bosen ruhig auf sein Zimmer und machte seinem Leben mittels Revolver durch Stirnschuss ein Ende. Förster Franz Bosen, der schon 31 Jahre im Dienste der Familie von Mallinkrodt stand, war allgemein als ein rabiater und hysterischer Mann bekannt und gefürchtet.

Bereits vor vielen Jahren hatte Förster Franz Bosen versucht, seine Braut zu erschießen. Diese tat sühnte er mit 4 Jahren Gefängnis. Aus dem Gefängnis entlassen, äußerte er verschiedentlich die Drohung, jeden zu erschießen, der sich ihm nähere. Bosen, der später an der Sieg die Stelle eines Försters versah, und in dieser Eigenschaft viel mit Wilderern zu schaffen hatte, war bei diesen wegen seines rücksichtslosen Vorgehens gehasst. Als von Mallinkrodt im Jahre 1896 Schloß Wachendorf von Freiherrn von Solemacher erwarb, übernahm er Förster Franz Bosen mit in das neue Dienstverhältnis. Hier versah Bosen zur vollen Zufriedenheit bis zum Kriege den Dienst des Försters und trat dann in den Ruhestand. Ein neuer Förster kam an seiner Stelle und Bosen, dem zwei Zimmer im Schloß eingeräumt wurden, verbrachte seinen Lebensabend in stiller Beschaulichkeit. In den letzten Jahren litt Bosen unter Schwermutsanfällen. Vor 1 1/2 Jahren ging Bosen freiwillig nach Bonn, um sich auf seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen. In der dortigen Nervenheilanstalt holte ihn der leitende Arzt wegen seines vorgeschrittenen bedenklichen Leidens in Pflege. Als sein befinden sich gebessert hatte, holte ihn seine Verwandten auf seinen dringenden Wunsch aus der Anstalt und brachten ihn wieder nach Schloß Wachendorf, wo ihn die Familie von Mallinkrodt in fürsorglicher Weise pflegte und bemüht war, in allem seinen freien Willen zu lassen. Als noch vor kurzem Kreisarzt Dr. Bachem Herrn von Mallinkrodt eindringlich darauf aufmerksam machte, Bosen einer Anstalt zuzuführen, weil sein Geisteszustand sich von Tag zu Tag verschlimmerte, sprach Herr von Mallinkrodt gütlich zu, um ihn zu bewegen, seinen Lebensabend im Försterheim in Marburg zu beschließen, lehnte Bosen dies glatt ab. Hierauf sollte Bosen auf ärztlichen Rat im Marienhospital in Bonn untergebracht werden. Bosen zeigte sich in keiner Weise über den Plan verbittert. In den letzten Nächten machten sich bei Bosen Wahnvorstellungen bemerkbar.

Was Bosen zu der schrecklichen Tat getrieben hat, wird wohl kaum jemals Aufklärung finden. Die liebevolle Pflege auf Schloß Wachendorf ist ein Beweis dafür, dass Bosen die Tat nur in geistiger Umnachtung begangen haben kann, da auch nicht der geringste Anlaß vorliegt, auf ein misshelliges Verhältnis zwischen Bosen und seiner Dienstherrschaft zu schließen, denn die Familie von Mallinkrodt  verbindet ein inniges und sozialempfindendes Verständnis mit ihren Angestellten.

Eine Gerichtskommission, bestehend aus den zuständigen Amtsrichter von Euskirchen, einem Staatsanwalt von Bonn und dem Kreisarzt hat den Sachverhalt an Ort und Stelle festgelegt. Da unzweifelhaft die Tat eines Wahnsinnigen vorliegt, sind die Leichen zur Beerdigung freigegeben worden. Die schreckliche Tat, die nah und fern Bedauern ausgelöst hat, ist um so betrüblicher, als das Ehepaar van Mallinkrodt nicht nur in den Gemeinden Wachendorf und Antweiler, sondern auch darüber hinaus im ganzen Kreis geachtet, geliebt und verehrt wurde.

Tiefes soziales Verständnis zeigten sie für das Wohl und Wehe beider Gemeinden. Besonders sei hervorgehoben, dass sie sich für das kirchliche Leben in diesen Gemeinden reich verdient gemacht haben. Letzthin schenkten sie noch der kath. Kirche in Antweiler ein neues Glockengeläute.

Dr. von Mallinkrodt 1869 zu Köln geboren, gehört einer der bekanntesten, vornehmen rheinischen Familien an. Seine Frau, eine geborene Günther, war Deutsch-Engländerin und stand im 52. Lebensjahr.