Geheimnis der Nacht im Schloßpark zu Wachendorf
Seelen kehren zum Ort des Geschehens zurück - um etwas in Ordnung zu bringen.
von Joh. Hans Derix
Der Tag geht, die Nacht kommt. Dazwischen liegt die Dämmerung: ein Wechsel ohne Schärfe, ein fliesender Übergang, eine Zeit der Unsicherheit. Die Nacht offenbart manchmal ihre Geheimnisse. Sagen werden lebendig. Schon immer haben Sagen und Legenden die Menschen bewegt. In der Sage wurde die Erinnerung an geschichtliche Zustände, Persönlichkeiten, im Dunkel liegende Taten im Volk von Mund zu Mund weitergegeben und zu vollständigen Erzählungen ergänzt. Das Wunderbare und Übernatürliche steht dabei im Mittelpunkt. Es gibt Ansichten, dass die Seelen von Menschen, die vor Jahrhunderten starben wiederkehren, um hier auf Erden –am Ort des Geschehens - etwas in Ordnung zu bringen.
Mein Glaube an Übernatürliche Dinge war nicht gerade groß. Ich war gerade einmal 14, als eines Tages Anfang November 1951 ein Mann im Schlosspark auftauchte. Es war ein armer Mann, der ziellos durch die Eifel zog und im freien auf Bänken und in Ruinen schlief. Von den Ordensschwestern auf Schloss Wachendorf bekam er sein Brot und eine warme Suppe. Der Staub und Dreck der Strassen klebte auf ihm ebenso auf sein Schulter langes Haar das regelrecht verfilzt war. Einen Schlapphut hatte er tief ins Gesicht gezogen, er ging mit gesenkten Kopf, vermied es, irgend jemand anzusehen. Sein gesamtes Hab und Gut trug er in einem kleinen Rucksack bei sich. In Wachendorf sah man ihn viel im Schlosspark oder auf dem Münsterberg. Ich erinnere mich genau, es war der 2. November1951 und die Blätter fielen von den Kastanienbäumen, immer wieder aufgewirbelt vom kühlen Herbstwind, als ich wie üblich durch den Park zum Gut Mallinckrodt ging, um dort die tägliche Milch für das Heim zu holen, warm angezogen, den Schal um den Mund und Nase gewickelt. Es war sehr kalt und in der Luft lag Schnee. Die Dämmerung durchzog den verlassenen Schlosspark. Auf einer im Park befindlichen Ruhebank an der Wegabzweigung zu der Grabstätte derer von Mallinckrodt, saß wie üblich der Mann. Er hob seinen Kopf, so das ich unter seien Schlapphut seine dunklen, vom Leid überschatteten Augen sehen konnte. In seinem Blick lag ein Funkeln, das ich nicht deuten konnte. Er erwiderte meinen Blick und sprach mich an: „Sag, Junge, hast du Angst vor der Dunkelheit?“ Ich schüttelte den Kopf. „Warum denn nicht?“ Weißt du denn nicht, was passiert, Nachts, wenn die guten Geister sich zur Ruhe begeben? Gerade um diese Jahreszeit, wo die Mächte der Dunkelheit sich anschicken, neue Opfer zu finden?“ Ich entrang mir ein gequältes Lächeln und wollte seine Worte schon als dummes Zeug abtun, als er mich plötzlich mit seinen Händen packte und zu sich zog. Er darf nicht sein, klinkt es durch meinen Kopf und mein ganzer Verstand sagt mir das dort etwas vor mir steht, was es besser nicht geben dürfte. Ein böser Alptraum? Hast du Halluzinationen? Vertraust du deinen Sinnen? Der Aufschrei, blieb mir im Halse stecken, als ich seine Augen sah. Nur Schwärze, nichts Helles zeichnete sich darin ab.
Ich hörte seine Stimme: „Ich war jung, als mich die Nacht in ihren Bann zog. Sieh mich an, heute ist mein Haar grau und mein Mut ist gebrochen. Einmal forderte ich die Herren der Nacht heraus, einmal wagte ich mich in ihre Nähe. Einmal reicht, um der Verlockung zu erliegen. Doch die Nacht hat ihren Preis, sie verlangt viel für die Offenbarung ihrer Geheimnisse.“ Wider meinen Willen spitzte ich die Ohren. Wovon redete er bloß? Sein Blick schweifte in die ferne. „Meine Mutter lebte in Wohlstand bis zu ihrem Tode 1623 auf Schloss Wachendorf. Ich sorgte mich nicht ums Morgen und nur deshalb ging ich eines Nachts raus. Ein Spiel nichts weiter. Eine Mutprobe für mich und ein besonderes Geschenk für meine Herrschaft versprachen sie, die „Hochgerichtsbarkeit“. Für die Erlangung der Hochgerichtsbarkeit war mir jedes Mittel recht. Die Jäger der Dunkelheit, die Geister, die in unsere Welt eindringen haben ihren Preis. „So ein Unsinn!“, sagte ich und rückte wieder ab von ihm. Er hielt mich fest, „Nein kein Unsinn! Hör mir zu! Mit fester Stimme redete er auf mich ein: „Ich war ein berüchtigter nach Macht greifender Junker, Herr zu Wachendorf und Wildenburg. Es war im Jahr 1628 ich lies mehrere Hinrichtungsstätte mit mehreren Verbrennungshütten aufbauen, eine ganze Mannschaft von Henkern und Bütteln anheuern und mehrere unschuldige Männer und Frauen wegen angeblicher Zauberei hinrichten. Bis zu ihrer Verbrennung auf dem Scheiterhaufen habe ich sie auf meinen Besitzungen in Wachendorf und Wildenburg eingesperrt und gefoltert. Er drehte sich und erhob seinen Arm und zeigte in Richtung Münsterberg wo sich der Abendhimmel blutrot färbte,als wolle er die Tat inszenieren. Es ist über 350 Jahre her und ich kann nicht zurück. Als ich jene unschuldigen Menschen das Leben nahm, entfernte ich mich aus dieser Welt. Ich bin Wanderer durch die Zeit, auf der Flucht, auf der Suche nach ihnen, ihrer Seelen und meiner Heimat. Staub sind sie, doch ich bin gestrandet in einer Zeit, zu der ich nicht gehöre. Ich kann nicht sterben! Ich warte Jahr um Jahr, immer auf die Nacht der Jäger der Dunkelheit und biete ein Opfer, um sie wieder zu sehen, um mit ihnen vereint zu sein.Verloren bin ich für immer. Dreihundertfünfzig Jahre? Ich starre ihn ungläubig an. Er musste geistig verwirrt sein. Dennoch blieb ich, wo ich war. „Was für ein Opfer? Was wollen Sie?“ „Ich weiß es nicht, ich weiß nicht, weiß nicht….“ Er vergrub sein Gesicht in seinen Händen und weinte bitterlich, als ab er seine Taten auf innigste bereute. Verlegen schaute ich mich um. Was sollte ich tun? Irgendwie fürchtete ich den Mann, andererseits zerriss mir das Mitleid fast das Herz. Der Mann sprach weiter, wie zu sich selbst. „Ich muss sie finden, die Opfer, das Mittel, das alles ungeschehen macht, das mir meine Seele wieder bringt und die Jäger der Dunkelheit besänftigt. Hilfst Du mir dabei?“ Ich zuckte zusammen. Wind kam auf. Zwischenzeitlich lag der Park im Dunkel. Kein Stern am Himmel und in der Ferne leuchteten die Fenster des Schlosses. Ich spürte das sich etwas bewegte. Da draußen war etwas. Ich bekam eine Gänsehaut. Vor Angst war alles in mir erstarrt. Ich war wie gelähmt. Dazu hielt mich der Mann unerbittlich fest. An eine Flucht war nicht zu denken. „Hilfst Du mir?“ Seine Stimme klang so eindringlich. „Lassen Sie mich los!“ flehte ich ihn an. „Bitte lassen Sie mich gehen! Die Schwestern vermissen mich und machen sich sicher Sorgen um mich…..“
Er flüsterte mir zu: „Der Jäger der Dunkle Graf kommt“. Eine Gestalt bildete sich aus der Dunkelheit. Ein großes, schwarzes Pferd mit einem Reiter, der einen Hut mit einer roten Feder trug und einen langen, grünen Umhang um seine Schultern gelegt hatte. In seinem Gefolge waren 16 Männer und Frauen in bäuerlicher Bekleidung „Bitte, ich muss nach Hause….“ flüsterte ich. Ich dachte mir, das kann nicht sein. Ich träume. Was hatte dieser Mann mit mir gemacht? Warum kam keine der Schwester, um mich zu suchen. Solche Gedanken schossen mir durch den Kopf, als der Mann sich erhob und mich auf das große Pferd zu reichte. Der Reiter und die 16 Frauen und Männer blickten interessiert auf mich. „Nimm den Jungen!“, schrie der Mann dem Reiter entgegen. „Nimm ihn und lass mich meinen Frieden meine Seele wieder finden! Gib mir mein Seelenheil meine Welt zurück! Gib sie mir zurück!“ Der Reiter erhob seine Stimme, lauter als ein Donnerhall, das wie ein Echo ausklang. „Dein Verbrechen ist noch nicht gesühnt, gesühnt, gesühnt… Kein Opfer kann deine Schuld begleichen, begleichen, begleichen…“. Dabei schaute er sich zu den 16 Frauen und Männer in seinem Gefolge um. Gib ihnen, was du ihnen genommen und ich schenke dir ….Tod…Tod…Tod!“ Der Mann wurde blass. Er schluckte. „Sag mir wie ich das bewerkstelligen kann, ich bin zu allem bereit. Es muss ein Ende haben.“ , seufzte der Mann, „ich ertrage die Schuld nicht mehr…“ und weinte fürchterlich.
Der Reiter schaute sich abermals zu den 16 Frauen und Männer um, als ob er auf eine Entscheidung wartete. Die 16 Frauen und Männer sprachen eine weile miteinander. Eine Frau trat aus ihren Reihen hervor und sagte mit leiser Stimme, „ Es soll genug sein, schenk ihm den…. Tod.“ Daraufhin wendete er sein Pferd wortlos und wurde samt seinem Gefolge eins mit der Dunkelheit.
„Warte!“, rief der Mann ihm hinterher. Er machte ein paar Schritte in die Nacht. „Warte!“
In diesem Augenblick erhob sich der Wind, fuhr mit voller Wucht auf den Mann zu, dieser Schrie auf und klammerte sich an die Bank.
Was immer ich da erlebt, gesehen, gehört hatte, war mir egal, ich hatte nur einen Gedanken nach Hause. Am Ende der Kastanienallee sah ich bewegliche Lichter und hörte Stimmen die meinen Namen riefen. Am nächsten Tag erzählte man mir, dass man mich im Park neben einen toten Mann eingewickelt in seinem Mantel und mein Gesicht mit seinem Mut bedeckt gefunden hat. Gleich so, als wollte er mich vor der Kälte der Nacht schützen. Mit klopfenden Herzen fragte ich, „Was ist passiert?“ Eine Schwester sah mich an. „Der Mann, der seit Tagen und Wochen im Schlosspark herumirrte, ist heute Nacht erfroren. Kein Wunder, bei den Temperaturen.“ Ich schaute sie groß an. „Kanntest du ihn etwa?“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich kannte ihn nicht. Er ist mir nur aufgefallen.“ Bevor sie mir noch irgendwelche Fragen stellen konnte, drehte ich mich um und schloss meine Augen. Ich hörte noch wie die Schwester Anna Vincents (Mamm geneannt) sagte, der Junge braucht jetzt viel Ruhe und verlies den Schlafraum.
Die Geschichte behielt ich für mich. Niemand würde mir glauben, was sich an dem Abend zugetragen hat und das der Mann nach 350 Jahren endlich von seinem Schicksal erlöst worden war.
Ich habe ein Geheimnis der Nacht erfahren und ich hoffe, dass der dunkle Graf und sein Gefolge sich nie an mich erinnern. Die Mächte wollen nichts von mir, es scheint fast als würden sie mich ignorieren. Ich bin für sie ein Nichts, keine Seele der Macht aber dafür habe ich auch meine Ruhe.