Nun ist die "Flutsch" futsch, 65 Jahre fuhr sie 1895 - 1960.

 

Meine Kindheits-Erinnerungen an die  "Flutsch"

von Joh. (Hans)Derix

     "Viele Gedanken können verdrängt werden, zeitweise auch der Gedanke an die Heimat, aber eines Tages wird die Erinnerung an die Heimat, die Sehnsucht nach der Heimat wieder mit urwüchsiger Gewalt hervorbrechen"
So Joseph von Eichendorff

 

   Nicht von der geschichtlichen Entwicklung der EKB, (Euskirchener Kreis Bahn) nicht von ihrer wirtschaftlichen Bedeutung soll die Rede sein. Vielmehr möchte ich sie zu einer speziellen Begegnung mit der "Flutsch" einladen: Wir schreiben das Jahr 1945 , die Wunden des Krieges  sind noch all gegenwärtig.

Viele Bürger benutzten die Flutsch", um zu den Märkten nach Euskirchen und Münstereifel zu gelangen.Bei Stammgästen warteten Lokführer der Schaffner schon einmal ein paar Minuten. Mit den offiziellen Haltepunkten nahm die Zubegleiter es ebenfalls nicht so genau. Sie bremsten auf Wunsch auch an einem Gutshof. Ich kann mich noch gut an die alte Flutsch erinnern, denn es war für uns Kinder vom Schloss Wachendorf jedesmal ein besonderes Ereigniss wenn wir mit der Flutsch fahren durften. Jedes Jahr wenn die Erbsen auf dem Felde gereift waren, wanderten wir früh am Morgen nach Antweiler zum Bahnhof, von dort bestiegen wir die Flutsch und es ging zum Gutshof, wo wir die Erbsen pflückten. Damals 1945 kurz nach dem Kriege, es war eine arme Zeit und im Schloss Wachendorf wohnten wir mit 200 Waisenkinder im alter zwischen 5 und 14 Jahren. Da war es an der Tagesordnung auf den umliegenden Feldern den Bauern zu helfen sei es bei der Ernte, Kartoffel auflesen, Ähre suchen, oder gar Steine von den Äckern zu lesen. Die Schwestern hielten Ziegen, Schafe, Schweine und Hühner, deren Futter wir von der Familie H. Schmitz bekamen, der wir natürlich gerne auf dem Felde behilflich waren. Jedes Jahr bekamen wir von der Fam. Schmitz jede menge Stroh, damit wurden einmal im Jahr unsere Schlafmatrazen ausgestopft. Dieses war die Arbeit der 13 und 14jährigen Jung´s, wobei die Mädels in der Küche und beim Wäschewaschen helfen mußten. Ganz gewiss wurden wir auch von der Fam. H. Schmitz mit Landwirtschaftlichenprodukten versorgt, die ihrerseits auf die bescheidenen Handreichungen von uns Kindern vertrauen konnten. Kartoffeln und Rüben wurden in der westl. Bastion gelagert. Eine schwache Glühbirne warf ihr schwaches, schummriges, gespenstig wirkende Licht ins Bastionsgewölbe. Fledermäuse die von dem Deckengewölbe herabhingen, flößten uns Buben Angst ein, die wir natürlich nicht zeigten, aber in Wahrheit hatten wir jedesmal die Hosen gestrichen voll.

So stellte sich sehr bald ein recht herzliches Verhältnis ein zwischen uns Waisenkinder auf Schloss Wachendorf und der Familie Schmitz. Herr Schmitz, verkörperte den Prototyp des durch harte und zielstrebige Arbeit zu Wohlstand gekommenen und sich seines Besitzes und seiner Berufsehre wohlbewussten deutschen Landwirtes. Pflichterfüllung war ihn oberstes Gebot, und wenn eine Arbeit getan werden musste, so wurden alle Kräfte darauf konzentriert. Er schonte weder sich noch die ständig auf dem Hofe beschäftigten Familienmitglieder. Stress, wie heute, kannte man -trotz harter Arbeit-damals nicht.

Damals war es noch still auf dem Lande, so das wir -je nach Windrichtung - das Zischen, Fauchen, Rumpeln der Pfeifenden "Flutsch" hören konnten.

Die Flutsch hielt am entsprechenden Gutshof, so das wir Kinder direkt am Hof aussteigen konnten. Zu Mittag gab´s zur Stärkung natürlich Erbsensuppe. Abends ging es mit der Flutsch wieder in Richtung Antweiler/Wachendorf. Beim Heimfahren am späten Nachmittag ging der Schaffner nach der Anfahrt durch den Waggon und fragte laut: "Steigt jemand in Antweiler/Wachendorf aus?". Wir schrien dann im Chor "Ja!!", der Schaffner trat auf die Plattform, wartete bis die Flutsch eine Kurve erreichte und er zum Lokführerstand hinschauen konnte. Dann winkte er mit der Hand.

Auf diese gemütlich-väterliche Art spielte sich der Flutschverkehr in den 50ziger Jahren hier in Antweiler/Wachendorf ab. Auf der Strecke Arloff - Antweiler/Wachendorf-Satzvey - Euskirchen wurden Güter und Personen zusammen und manchmal sogar gemeinsam befördert. Die Strecken mußten sorgfältig gepflegt werden, ständig war ein "Streckengeher" unterwegs, der gemächlich dahinwandernd jede einzelne Schraube der Gleis-Schwellenverbindung prüfte. Das Tempo der Flutsch war dabei immer gleich und erlaubte es, während der Fahrt auszusteigen und Blumen zu pflücken. Natürlich war es verboten, ebenso natürlich versuchten wir Buben das und wurden vom Schaffner und den Schwestern schimpfend von der Plattform mit den Scherengittern in den Waggon zurück gescheucht. "Der Aufenthalt Unbefugter auf der Plattform während der Fahrt" war ohnehin verboten!

Die Flutsch war stark genug, mehrere Personenwagen und den Packwagen mit "Kälberabteil und Schweinekoben" oder Rüben, Ton und Kohle zu befördern.

Und sie brauchte Wasser!

Am Bahnhof Antweiler/Wachendorf hielt die EKB in einem Bassintank Wasser bereit, eine Pumpe und ein halb wie ein Galgen und halb wie eine Giraffe aussehendes schwenkbares Rohr. Aus dem wurde schön gemütlich der Wassertank der Flutsch aufgefüllt, während Bahnhofvorstand, Schaffner und Lokführer beisammenstanden, rauchten und sich was erzählten.Da konnte es schon vorkommen, daß ein ungeduldiger Fahrgast sich aus dem Waggonfenster beugte und den Bahnern zurief: "Nehmt´s halt die Kelle statt den Teelöffel für´s dämliche Wasserfüll´n!". Bei der Fahrkartenkontrolle warf ihm dafür der Schaffner einen sehr strengen Blick aus amtlichen Augen unter einer ebenso amtlichen Mützenschirm zu. Wir Buben fanden an den hier skizzierten Wunderlichkeiten mancher Fahrgäste großes Vergnügen.

Das heute moderne Aufschlitzen der Polstersitze konnte niemand praktizieren, weil die Flutsch nur hölzerne Bänke hatte und von einer 1. und 2. Klasse mit Stoffbezogenen Sitzen als kaum geglaubte Legende galt. Die Fenster waren aber mit Lederriemen, in die Löcher gestanzt waren, auf und ab zu ziehen und zu fixieren. Wenn die Flutsch sehr voll war, gingen wir Buben auf die Plattform hinaus um uns den Fahrtwind durch Haar streifen zu lassen und den nach Kohlenruß riechenden Rauch der Flutsch einzuatmen.Von der Abendsonne beschienen tauchten die 2 Burgen von Antweiler und der Kirchturm die auf keltischen und römischen Mauern entstanden sind auf. Von Antweiler aus machten wir uns auf den 1 km langen Heimweg nach Schloss Wachendorf. Unser Weg führte durch den Schlosspark, der bereits in Antweiler beginnt.

Über die efeuüberwachsenen Schießscharten der alten  Wehrmauer erhebt sich  dominierent der Schlossturm der einen breiten Schatten auf das Bild wirft.

Ohne es recht zu wissen und zu begreifen, ohne ein Wort dafür zu haben, hatte ich an diesem Tag das Schöne, Feste, Beständige, Altwürdige gesehen, hatte eine Ahnung davon bekommen, was Geschichte bedeutet, Menschenwerk und die Harmonie, die beides miteinander verbindet. Keine Neuerung hat seitdem dieses Bild aus meiner Seele vertreiben können, auch, weil es immer wieder gegenwärtig ist. Die anderen Kinder wußten sehr schnell, daß sie mich nicht vom Fenter der Flutsch weglocken konnten. Ich habe die Flutsch im hellen Morgenlicht erblickt, habe sie im Herbstnebel verschwimmend auftauchen und den Schnee darauf herabfallen gesehen. Nie bin ich dieses Bildes müde geworden. Und ich wundere mich, dass andere Menschen wie innerlich blind daran vorbeigehen und nichts vom Zauber dieser Flutsch bemerken. Ich habe einen Teil meiner Kindheit und Entwicklung in enger Fühlung mit der Flutsch und Wachendorf /Antweiler verbracht. Es war für eine gewisse Zeit für mich die auf einen Punkt konzentrierte große Welt und was ich in Wachendorf erlebte, hat sich eingeprägt. Es gibt Dinge auf der Welt, die sich nie ändern. Und nie ändern wird sich auch der Zauberanblick, den Wachendorf und Antweiler bietet, wenn man auf der kleinen Anhöhe Münsterberg steht und auf das einstigte Matronenzentrum Wachendorf/Antweiler blickt.

Im Gemüt der Menschen lebt die Welt und eine wurde einst geprägt von der kuriosen Mischung, die eine alte, schlafende Eifelgemeinde ein Dampfross "Flutsch", ein Schloss und die Geheimnisse der Erwachsenenwelt mir vor die Füße breiteten.

Es war schon ein "gemütlicher Betrieb mit der "Flutsch", erinnert sich H. Schmitz. "Morgens, erzählt mir ein Antweiler,

fuhren die Antweiler mit Eier, Speck, Butter und Gemüse zum Markt in die Stadt. Von ihnen erfuhr man das neueste aus den Orten: wer mit wem, "ging", wo Nachwuchs zu erwarten war oder Nachbarn gestorben waren. Ja, so war das damals! "

Zeitzeugen erinnern sich.

Lokführer Karl Koch

(Wachendorf)

"Am Stadteingang von Zülpich, auf der Münsterstraße, pasierte das Unglück. Unser Zug fuhr einen Lastkraftwagen um, der mit Mehlsäcken beladen war. Das mehl lag auf der Straße. Der Fahrer des Lastkraftwagens war eingeklemmt und mußte mit einem Schweißapparat aus seiner mißlichen Lage befreit werden. Er war jedoch nur leicht verletzt. Der zweiteUnfall passierte auf der Strecke von Euskirchen nach Wichterich. In Höhe der Ortschaft Oberwichterich fuhr neben uns auf der Straße ein radfahrer. Der Radler fuhrschneller als unsere "Flutsch". Das schien dem Lokführer nicht zu gefallen. Er erhöhte das Tempo, um den Radfahrer zu überholen. "Fahren sie langsamer" , warnte ich, sonst entgleisen wir. " Knapp 50 Meter weiter, genau vor der Anhöhe, wo der Schienenstrang die Straße überquert, passierte es dann. Die lokomotive sprang aus den Gleisen, drehte sich in umgekehrte Fahrtrichtung und kippte um. Die nachfolgenden Wagen sprangen ebenfalls aus den Schienen und legten sich auf die Seite. Der Personenwagen, in dem nur ein Fahrgast saß, blieb stehen". Der Lokführer und der Heizer Koch kletterten unversehrt aus der umgekippten "Flutsch" . Ein Gerätewagen aus Mülheim-Wichterich kam, um die "Flutsch" wieder flottzumachen. Sein Lokführer war ein ehemaliger Offizier, der nach dem ersten Weltkrieg bei der EKB eingestellt worden war. Es sei erwähnt, daß dieser Offizier von der Kleinbahn so gut wie nichts verstand. Mit unechten Papieren war er Lokführer geworden. Sein "Gastspiel" bei der EKB war nur von kurzer Dauer. Nach dem 2.Unfall wurde der "Offiziers-Lokführer" entlassen.

Lokführer Matthias Hoven

(Antweiler)

Zu den Erinnerungen an die "Flutsch" gehört auch die nette Episode, als das Euskirchener "Familienbähnchen" nach dem ersten Weltkrieg den Engländern sogut gefiel, daß sie es sogar filmten. "Einzu nach Berlin" nannte sich der "Dokumentarfilm", den die Engländer drehten. aber nicht in und um Berlin, sondern im freien Gelände zwischen Kommern und Firmenich. Darüber weiß Lokführer Matthias Hoven aus Antweiler zu berichten.

"Der erste Weltkrieg war einige Monate zu Ende, da erschienen plötzlich einige englische Filmleute bei uns auf dem Bahnhof in Antweiler/Wachendorf und erzählten uns, daß sie zwischen Kommern und Firmenich einige Filmzenen zu dem Dokumentarfilm "Einzug nach Berlin" drehen wollten. Mir fiel der Auftrag zu, auf Winkzeichen der Kamaramänner hin den Zug auf der genannten Strecke in Bewegung zu setzen. Ich selbst durfte mich aber am Fenster nicht blicken lassen. Bei mir auf der Lokomotive stand ein englischer Major, der sich aus dem Fenster hinauslehnte und den Filmleuten lachend zuwinkte. Die Szene wurde so oft wiederholt bis die kameramänner zufrieden waren. Zur Belohnungbakam ich zehn Mark in die Hand gedrückt.".

Mehr als ein halbes Jahrhundert hat die "Flutsch" ihre Aufgabe im Kreis Euskirchen erfüllt. Sie war schließlich der

moderenen Verkehrsentwicklung, die nach Rentabilität rechnet, nicht mehr gewachsen. Nicht nur das Personal der EKB fühlt sich

mit seiner Bahn eng verbunden und hält sie in guter Erinnerung. Wenn schon der Volksmund von "Familien-Bähnchen" sprach, so kündet

dieser Name von einer breiten Anteilnahme in Freud und Leid. Mögen daher auch die Akten über die EKB des Kreise

Euskirchen verwaltungsmäßig geschlossen sein, die kleine Bahn wird in der Bevölkerung weiterleben als "Flutsch", "Knollebähnchen"

oder "Familien-Bähnchen".

Betriebsausflug der Bediensteten der EKB mit den ersten Kraftpostbussen

Am 26.03.1959 hat der Kreistag beschlossen, den gesamten Busbetrieb der EKB an die Bundespost zu übertragen. mangelnde Wirtschaft- lichkeit zwangen die EKB zu diesen Maßnahmen.

Am 31.12.1965 kam auch die letzte noch bestehnde Strecke Firmenich-Satzvey-Antweiler/Wachendorf unter den Hammer.

Mit Abbau der Schienen und Verkauf der Bähnchen, hatte die EKB aufgehört zu bestehen.