Der lautlose Kampf um die Glocken von Antweiler.

von Joh. Hans Derix

 

Im April 1940 treffen sich zu einer geheim gehaltenen Sitzung, bei der Familie Martin Schmitz in Wachendorf, in einem kleinem Zimmer der Pfarrer Heinrich Hoberg - ein wahres Original - von St. Johannes Bapt. Küster Wilhelm Klein mit ein paar  sorgfältig ausgesuchte Bürger von Wachendorf und Antweiler.  Pfarrer Hoberg teilte den Anwesenden mit, dass die Glocken beschlagnahmt sind. Mit dem Kriegseintritt Amerikas 1941 wurden erste Maßnahmen für die Sicherstellung kriegswichtiger Rohstoffe im Inneren des Deutschen Reiches angeordert. In der „Vorläufigen Richtlinie über die Erfassung der Bronzeglocken“ wurden diese in die 4 Klassen A,B,C, und D gruppiert, „wobei die meisten Glocken in die Gruppe A zu gruppieren sind und sofort zur Einschmelzung kämen!“ Kreishandwerksmeister wurden mit der  Durchführung des Gesetzes über die Ablieferung der Kirchenglocken“ im Bezirk beauftragt. Sie hatte das letzte Wort zu sprechen, welche Glocken bleiben und welche abgeliefert werden. Die B und C – Glocken wurden im wesentlichen in die Glockenlager Hamburg gebracht. Jede einzelne Glocke erhielt eine dreiteilige Kenn- und Leitzahl.Dies war das Todesurteil für den größten Teil der deutschen Kirchenglocken.   Von Berlin aus wurde damals verfügt, dass im ganzen deutschen Reichsgebiet die Kirchenglocken abzunehmen und zum Einschmelzen nach Hamburg abzuliefern seien.  Im  Gegensatz zu anderen obrigkeitlichen Erlassen jener Zeit, die entweder gewohnheitsmäßig hingenommen, vielleicht gar gutgeheißen oder bejubelt wurden, waren diese Maßnahmen "zur Deckung der Metallreserve des Reichs'  ausgesprochen unpopulär, besonders auf dem Land bei der bäuerlichen Bevölkerung. Jede Kirche durfte grundsätzlich nur eine einzige Glocke behalten; das ganze übrige Geläut war abzuliefern. Aber weder Murren noch Schimpfen konnten verhindern, dass die Glocken registriert und bald darauf von den Türmen geholt wurden. Gruppe A enthielt meines Wissens alle  Glocken, die nach dem Jahr 1800 gegossen waren.  Diese waren sofort abzunehmen, einzuliefern und zum Einschmelzen nach Hamburg zu schicken.  Kategorie B und C waren Glocken mit Altertumswert und Glocken von künstlerischem  Wert.  Sie wurden zwar ebenfalls von den Türmen genommen, aber nicht sofort zum Einschmelzen verfrachtet, sondern bis auf Abruf in einem eigens dafür eingerichteten Glocken-Sammeldepot verwahrt. 

Das Hintertürchen war die  Kategorie D. Sie war ausschließlich für Glocken von höchstem Alter und unersetzlichem Kunstwert vorgesehen. Pfarrer Hoberg machte nun den Vorschlag, sich doch viel Zeit beim Abnehmen der Glocke zunehmen. Herr Schmitz meinte, “Ich kenne einen Heimatpfleger, der sicherlich unsere Glocken „Historisch Wertvoll“ also in die Gruppe D einstufen kann. Der Heimatpfleger stufte diese Glocke in Gruppe D ein wegen ihres besonderen historischen Werts.  Aber "historischer Wert'  war in den Ausführungsbestimmungen nicht vorgesehen, sondern nur "kunsthistorischer Wert" Man traf sich nun regelmäßig, um weitere Rettungsversuche zu besprechen. Dabei musste man sehr vorsichtig vorgehen. Nur eine kleine Mannschaft war stets ein geweiht. Die stillen Helfer aus den Tagen des Krieges, die damals die Glocken unserer Heimat zu rettet versuchten, die hat man schon vergessen. Es ist immer wieder einmal vorgekommen, dass die Glocken in der Nacht vor der  offiziellen Abnahme vom Turm "gestohlen” wurden.  Leider fand die Polizei in den meisten dieser Fälle nicht nur die in der Erde vergrabenen, in Güllegruben versenkten oder in Heuschobern versteckten Glocken, sondern auch  die Täter, ehrbare Bürger und Bauern. 

 

Mittlerweile war es den Herren oben aufgefallen, dass es zu viele D-Glocken gab. Man traute den Angaben nicht, und besichtigte die Glocken und es kam was kommen musste. Der Befehl zur unverzüglichen  Abnahme. Wenige Stunden später erschien bereits das Exekutiv-Kommando und begann, die Glocken aus dem Glockenstuhl zu nehmen und an dicke Seile zu binden, um sie daran am Turm herabzulassen.  Als sie bereits außerhalb der  Turmluke hing, machten wir einen letzten verzweifelten Rettungsversuch.  Die Kapellenglöcknerin Frau Gertrud aus Wachendorf, die bei der   Glockenabnahme zuguckte, hat das, was wir damals alle dachten, klassisch formuliert. Sie sagte zu der Aufsichtsperson:

"Nemmet no die Glocke mit, wenns der Hitler  gar so notig braucht.  Mir wisset au ohne Glocke, wieviels gschlage hot."Herr Schmitz erinnerte sich an ein Gespräch, dass er vor wenigen Tagen mit einem Schulfreund führte, der im Allgäu Sonthoven seinen Wehrdienst leistete. Er lachte kurz und meinte: „Ich glaub, ich hab da eine Idee.“ Er ging zu der Aufsichtsperson und drohte: “ ich werde diese Barbarei unmittelbar dem Gauleiter  Josef Wagner (Leiter der NSDAP) melden.“  Wir sollten uns nicht abhalten lassen, meinte der  Herr von oben, wir könnten ja auch direkt den Herrn Reichsmarschall ja anrufen, dann würden wir unser blaues Wunder erleben.  Und so kam eine halbe Stunde später im Büro der Tonwerke jenes denkwürdige Blitzgespräch. Das  Gespräch kam zum Schreck von Herrn Schmitz leider zustande, aber glücklicherweise war der Gauleiter, den er persönlich in einer höchst dringlichen Angelegenheit zu sprechen begehrte, Gott sei Dank nicht da.  Es war ein nicht so wohlgesinnter Adjutant am anderen Ende.  Herr Schmitz sagte, „das Kommando habe entgegen den ergangenen Bestimmungen wahllos Glocken abgenommen, ohne sie zu klassifizieren und wolle diese Glocken nun nach Hamburg  schicken.  Man möge ihm dies untersagen.“  Der Adjutant, der anscheinend für solche Anliegen kein offenes Ohr hatte, brüllte  ins Telefon: "Sagen Sie mal, sind Sie  wahnsinnig?" Herr Schmitz erwiderte: "Ganz meine Meinung, verbindlichen Dank" und hängte ein.  "sie haben es gehört", sagte Herr Schmitz zu der Aufsichtperson, "Der Gauleiter fragt, ob Sie  wahnsinnig seien.' Ob er es so ganz geglaubt hat, was da vor sich gegangen war,  weiß man nicht. Die Glocken  waren vorerst einmal gerettet. Man  sagt, mit großen Herren sei nicht gut Kirschen essen. Das mag sein.  Aber mit ihnen hin und wieder nett zu telefonieren, ist, wie man sieht, mitunter von Nutzen. Und da nun der versprochene Endsieg länger auf sich warten ließ als von  höchster Stelle zugesichert, geschah es eines Tages, dass zur rascheren Herbeiführung dieses Endsieges die Glocken abgerufen wurden.  Das war  ein schwerer Schlag.  Man hatte immer gehofft, dieser Kelch  würde vorübergehen.  Die Glocken wurden nach Hamburg verschickt. Pfarrer Hoberg hatte dafür gesorgt dass die Glocken mit „D“ gekennzeichnet wurden. Somit durften sie im Bereich des Heeresproviantsamt unter der Heerschar der „D-Glocken“ lagern, das bewacht war und von niemand betreten werden durfte, und sie auf diese Weise unbefugten Blicken entzogen. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass eine starke Mannschaft von Schutzengeln bei der Aktion mitgewirkt haben muss. Es war eine geheimnisvolle Sache, um nicht zu sagen eine gefährliche Sache.

Als nach Kriegsende die Glocken aus dem Hamburger Depot,  zurückkamen,  da hat es am Feste Allerheiligen 1946 eine erhebende Feier gegeben mit, Umzug und Festreden. Die guten alten Glocken, die so viel erlebt haben, sie  werden vielleicht auch diese Erinnerung bewahren.  Glocken können nun freilich nicht sprechen.  Aber wenn sie heute noch erklingen können zur Ehre Gottes, wie sie es seit Jahrhunderten tun, vielleicht ist ein ganz leiser  Unterton dabei: ein Vergeltsgott für ihre Bewahrer und für ihre Retter. Als das erste Nachkriegs – Weihnachtsfest überall mit sehr viel Stimmung gefeiert wurde, erklang aus allen Häusern das Lied:

                     

                                                                                               Süßer die Glocken nie klingen

.                                                                               Als zu der Weihnachtszeit:
                                                                               's ist, als ob Engelein singen
                                                                          Wieder von Frieden und Freud'.
                                                                          Wie sie gesungen in seliger Nacht,
                                                                             Glocken,mit heiligem Klang
                                                                             Klingt doch die Erde entlang!