Die Wunderbare Spendenvermehrung! Der hungrige Gott des Moses!
von Joh. (Hans) Derix
Am 23. April 1931 wurde auf Anregung von Lehrer Potthoff in der Dorfschule eine öffentliche Versammlung abgehalten.Pfarrer Kleinebrecht und der damalige Lehrer von Wachendorf, Fritz Potthoff, waren sich einig und wollten die alte Schloss-Kapelle mit neuem Leben erwecken. Die Anregung von Lehrer Potthoff, aus dieser verfallenen Kapelle eine Krieger-Gedächniskapelle zu schaffen, wurde allgemein begrüßt und für gut befunden. Jetzt ging es an die Arbeit!
Am spähten Nachmittag sitzen der Lehrer Potthoff, der Gemeindevorsteher Diefenthal, der Pfarrer Kleinebrecht, der Graf Metternich, der Betriebsleiter Ahrend droben beim Wirt Quein und tun sich gütlich. Zu guter Letzt erscheint noch der Baron von Mallickrodt. Da ist eine noble Gesellschaft beieinander gesessen. Das einzige Gesprächsthema war: „Woher sollen die notwendigen Mittel für die Restaurierungsarbeiten kommen“. Graf Metternich Landeskonservator bot sich an, die Restaurierungsarbeiten zu leiten. Pfarrer Kleinebrecht kündigte eine sonntägliche Groschensammlung unter den Wachendorfer Bürger an. Spenden des Kriegervereins, der Provinzialverwaltung und des Vereins für Denkmal und Heimatpflege wurden in Aussicht gestellt. Letztendlich fanden sich einige Bürger bereit freiwillig die notwenigen Entschuttungsarbeiten zu leisten. Ebenso waren die Landwirte bereit die Spanndienste zu stellen. Herr Ahrend aus Antweiler, Betriebsleiter bei den Tonawerke erklärte sich bereit die Pläne und die notwenigen Kostenanschläge zu erstellen. Man redete hin und her, es gab noch einige Wenn und Aber, schließlich reichte man sich die Hände und beglückwünschte sich gegenseitig für die große Hilf- und Spendenbereitschaft.
„Himmel Alleluja“, schrie der Lehrer Potthoff, „das ist der schönste Tag meines Lebens, und der muss begossen werden!“
Bald läuteten die Tischglöckchen über den Tisch, der Wein floss in Strömen, und die Stimmung wurde immer heiterer und wärmer. Spät am Abend mahnte der Pfarrer Kleinebrecht zur Heimkehr. Lehrer Potthoff aber stimmte im hellsten Ton:
„Trink´n wir noch ein Tröpfchen,
Immer noch ein Tröpfchen,
Aus dem kleinsten Henkeltöpfchen;
O Susanne, o Susanne,
Wie ist das Leben doch so schöön…!“-
„Wer heute nicht selbst dabei war, der wird kaum glauben was hier abgelaufen ist. Diese Stimmung ist nicht zu beschreiben, einfach sensationell,“ brachte es der "Graf Metternich“ am Ende selbst auf den Punkt.
Am nächsten Sonntag wurde bereits die erste Groschensammlung unter den Wachendorfer Bürger abgehalten. Pfarrer Kleinebrecht und der Baron von Mallinckrodt unterhielten sich noch eine weile über den schönen Abend. Baron von Mallinckrodt meinte: „Respekt! Mit einer so großen Spendenbereitschaft habe ich nicht gerechnet.“
„Ja, wundern möchte´s einen wirklich… Und Sie Herr Baron, habt die Dinge nicht bloß ausgesprochen, sondern auch niedergeschrieben, nebst ihrer versprochenen Spende. Da schaut her. Eure eigene Handschrift werdet Herr Baron kennen.“ Pfarrer Kleinebrecht hielt dem Baron das Schriftstück kurz vor Augen und steckte es schnell wieder weg. „Das könnt Ihr jetzt nicht mehr wegleugnen. Da steht alles schwarz auf weiß.“ Der Baron winkte ab, er wollte sich das Schriftstück erst gar nicht ansehen.
Der Baron riss Mund und Augen weit auseinander, er stand da eine kurze Weile und stotterte:
„Herr Pfarrer, was redet Ihr denn da für einen Unsinn, Ihr wisst doch, dass ich arm wie eine Kirchenmaus bin.“ Der Pfarrer lächelte gütig und meinte, „Wenn das so ist Herr Baron, dann schenke ich Ihnen die heutige Groschenspende von 120 Groschen. Ich gebe mich schon damit zufrieden, wenn sie mir nur geben, was sie aus der Groschenspende gemacht haben. Herr Baron von Mallinckrodt kannte den Pfarrer nur zu gut, um zu wissen warum es hier geht.Der Baron nahm die Groschenspende entgegen und machte sich auf den Heimweg. Mit Geldgeschäfte kannte sich der Baron gut an. Er rief sein Gesinde zusammen und verteilte die Groschenspende unter ihnen mit der Bitte, ihm doch das wiederzugeben, was sie aus dem Geld erwirtschaftet hätten. Demjenigen der das meiste erwirtschaftet, versprach er ein Grundstück. Da die Leute in ärmlichen Verhältnisse lebten, gaben sie das Geld nur für nützliche Sachen aus. Darauf hatte der Baron vertraut und sollte bald Recht behalten. Einige Beispiele seien hier erwähnt: Eine Frau kaufte sich Wolle und häkelte daraus Deckchen, andere boten Drechslerarbeiten, Böttcherarbeiten, Töpferarbeiten, Spangen, Schnallen sowie selbst gemachte Butter und Käse an, die sie gewinnbringend auf Märkten verkauften. Auf diese und ähnlicher Weise kam recht viel Geld zusammen.
Bereits nach zwölf Wochen hatte sich die Groschenspende um das vierfache vermehrt. Der Baron legt noch eine beträchtliche Summe oben drauf. Er ließ den Pfarrer Kleinebrecht zu sich rufen. Der Baron saß hinter seinem Schreibpult, als der Pfarrer eintrat. Er war sonst ein leutseliger, guter Herr, der Baron; aber heute blickte er messerscharf über seine Lesebrille heraus, gab dem Pfarrer einen stummen Wink, sich niederzusetzen und schrieb noch einige Zeilen. Dann legte er die Feder weg und sagte: „Ist der Pfarrer schon wieder da? Jeden
Tag sollte er mich doch nicht behelligen.“
„Himmel! Herr Baron! Das habt Ihr wohl geträumt. Jetzt kenn ich mich nimmer aus.“
„Glaub´s gern; aber ich träume nicht mit offenen Augen wie andere Leute. Möchte Euch etwas geben und überreichte dem Pfarrer eine stolze Summe. Nun war der Pfarrer an seiner schwächsten Seite getroffen. Gleich holte er das große blaue Schnupftuch aus der Tasche, entlockte seiner Nase ein paar liebliche Töne, lieferte dann eine mächtige Ladung Tabak in seine Nüstern – das war jedes Mal ein Zeichen, dass dem Pfarrer pudelwohl zumute und dass er nun eine längere Rede zu halten gedachte. Der Baron sage: „Lass gut sein, gib mir lieber das Schriftstück wieder, was ich angeblich beim Wirt geschrieben habe.“ Der Pfarrer lächelte mild und reicht dem Baron das besagte Schriftstück.
„Himmel Donner Blitz was ist dies“ Mit erhobener Stimme fuhr der Pfarrer Kleinebrecht fort: „Ja, es ist meine Sonntagspredigt, da täuschte er sich nicht.“ Der Baron schritt wieder hinter sein Pult, schwieg eine Zeitlang und sprach dann ruhig: „Ja, es ist himmelschreiend, dass ein Pfarrer, der etwas auf Ehre hält, ein solches Winkelspiel treibt und so lügen kann.
„Hoho, Herr Baron, da ist euer Jägerlatein weit sündiger. Da lachte der Baron hellauf und sagte: „Die Überraschung, die Freude muss gefeiert werden. Heute trinken wir nur einen noblen, einen superfeinen Wein.“ Einen guten Witz oder Streich nahm er nie übel, wenn dieser auch auf seine Kosten ging, sondern konnte nur herzlich lachen. Daraufhin erhob er sein Glas und meinte, ohne dem Pfarrer Kleinebrecht im geringsten gram zu sein: „Der Glaube ist eben eine wunderbare Sache – für den, der daran verdient.“ Prost Herr Pfarrer!“
In diesem Augenblick schaute eine Bedienstete zur Tür herein; „Bitte um Verzeihung, die Herren, Potthoff, Diefenthal, Graf Metternich, und Ahrend sind eingetroffen.“
„Mögen sie doch eintreten und bringen Sie uns sechs Flaschen Vaterländischen Wein.“ Zu seinen Gästen sage er, „Meine Herren, sind Sie wohl so freundlich, und seien meine Gäste..“
Die ehrsamen Wachendorfer Bürger machten große Augen, als Sie von der wunderbaren Groschenvermehrung und der großzügigen Spende. des Baron erfuhren. An diesem Abend und die Ehre, die ihnen hier zuteil geworden war, sollten sie sich noch lange erinnern.